Außergewöhnlicher Kriegsfilm über wichtigste Wettervorhersage der Geschichte: Lohnt sich Pressure mit Brendan Fraser?

Wer sich fragt, ob nach Kriegsfilmen wie Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan oder Christopher Nolans Dunkirk eine filmische Neuausleuchtung des Zweiten Weltkriegs überhaupt noch möglich ist, sollte sich Pressure für einen Kinobesuch (ab dem 17. September 2026) vormerken. Denn hier findet durch die wichtigste Wettervorhersage der Geschichte ein spannender Perspektivwechsel statt.
Weltkriegsgewitter: In Pressure trifft Luftdruck auf Entscheidungsdruck
1944 steht in Pressure die Wende des Zweiten Weltkriegs unmittelbar bevor: Zum D-Day sollen englische und US-amerikanische Truppen unter General Dwight Eisenhower (Brendan Fraser) in Frankreich landen und den Vormarsch der Nazis aufhalten. Doch die Wahl des richtigen Tags für die Landung in der Normandie ist extrem vom Wetter abhängig.
Deshalb wird der Meteorologe James Stagg (Andrew Scott) als Experte wenige Tage vor der geplanten Invasion herbeizitiert. Er soll vorhersagen, ob das gute Wetter anhält, denn die falschen Bedingungen wären für die in Booten anrückenden Streitkräfte katastrophal. Während der zweite Wetterberater Irving Krick (Chris Messina) perfekten Sonnenschein für den 5. Juni vorhersagt, bleibt Stagg skeptisch. Nur: Sollte er mit seinen stürmischen Vorahnungen den D-Day verhindern, wenn der verpasste Überraschungsmoment die Alliierten zugleich ihren Vorteil kosten könnte?
Schaut hier den Trailer zu Pressure:
Regisseur Anthony Maras hat bereits mit seinem Spielfilmdebüt, dem Geiseldrama Hotel Mumbai, bewiesen, dass er wahre historische Stoffe in Spannungskino verwandeln kann. Diesmal baut er die Belastungsprobe allerdings nicht im Feuergefecht, sondern im Hinterzimmer auf. Der titelgebende Druck bezieht sich hier nicht nur auf regenbringende Tiefdruckgebiete, sondern vor allem auf den Druck der Entscheidung, ob und wann der D-Day durchgeführt werden sollte. Sowohl ein zu langes Warten als auch ein zu frühes Handeln könnten sich als fatal erweisen. Die enorme Last dieser Wahl rückt Pressure gekonnt in den Vordergrund.
Pressure ist kein klassischer Kriegsfilm, aber trotzdem spannend
Pressure beginnt und endet mit Soldaten im Kampfgeschehen, was dem Kriegsfilm seinen erkennbaren Genre-Rahmen verleiht. Zu Beginn färbt die katastrophal aus dem Ruder gelaufene D-Day-Generalprobe namens "Exercise Tiger" die Strände rot. Am Ende landen die alliierten Truppen in Europa. Der eigentliche Film spielt sich allerdings dazwischen, in der Anspannung des Wartens, ab.
Auch wenn Pressure einige Kriegsbilder der Invasion zeigt, ist von Anfang an klar, dass die britisch-französisch-amerikanische Co-Produktion Spielbergs erschütternde Omaha-Beach-Landung weder kopieren kann noch will. Deshalb verzichtet das Drehbuchduo von Maras und David Haig (der auch die Theatervorlage schrieb) ganz auf eine Bezugsperson im soldatischen Fußvolk und schießt sich lieber auf den Papierkrieg der Wetterfrösche ein. Zum Glück, denn hier wartet historisch noch unentdecktes Filmland auf das Publikum.
"Wettermänner gelten traditionell als langweilig, aber das Wetter ist es nicht", sagt Eisenhowers liebenswürdige Helferin Kay Summersby (Kerry Condon) an einer Stelle und bringt die Gefahren und Vorzüge von Pressure damit gut auf den Punkt. Denn wenn Generäle, Meteorologen und Kriegsentscheider in einem Downton Abbey-ähnlichen Anwesen über den richtigen Zeitpunkt zum Aufbruch diskutieren, läuft der Film hin und wieder Gefahr, in den immergleichen Zimmern auf der Stelle zu treten. Doch die unsichtbaren Gewitterwolken am Horizont laden die Geschichte mit ihrer drohenden Ankunft so elektrisch auf, dass auch das Studieren von Wetterkarten und banges Nichtstun genug Spannung mitbringen, um uns ohne Langeweile durch die 100 Minuten des Films zu tragen.
Alles läuft auf eine nervenzehrende Spekulation über die Zukunft hinaus, wenn Stagg schon drei Tage vor dem geplanten D-Day erklärt, dass jede Vorhersage mehr als 24 Stunden vorher pures Raten sei. Seine gnadenlose Ehrlichkeit verleiht Pressure die letzte nötige Würze für einen gelungenen Kinobesuch.
Krieg hinter den D-Day-Kulissen: Dank Andrew Scott glänzt Pressure als Kräftemessen der anderen Art
Die meisten dürften vermutlich dank Oscar-Preisträger Brendan Fraser (The Whale) in der Rolle des Weltkriegsgenerals Eisenhower auf Pressure aufmerksam werden. Er verkörpert den späteren US-Präsidenten imposant. Getragen wird der Film jedoch von seiner absichtsvoll unsympathischen Hauptfigur.
Der als Sherlock-Bösewicht groß gewordene Andrew Scott bewies zuletzt in All of Us Strangers und als Serien-Ripley, dass er viele Facetten als Leading Man mitbringt. Dass er dem steifen Meteorologen Stagg trotz allem nuancierte Regungen abringt, die uns in sein Innenleben blicken lassen, verdient enorme Anerkennung. Dass wir Scott mit Damian Lewis (als Englands General Bernard Montgomery) 25 Jahre nach ihrer gemeinsamen Normandie-Landung in Band of Brothers erneut vor der Kamera vereint sehen, ist nur das letzte Sahnehäubchen dieses Besetzungscoups.
In seiner Rolle als reservierter Schotte reibt sich Andrew Scott wunderbar am Charisma von Chris Messinas Gegenspieler – dem selbstbewussten Hollywood-Wettermann Krick, der "schon Filmproduktionen wie Vom Winde verweht beraten" hat. Hier findet Pressure einen seiner spannendsten Druckpunkte: Wenn Stagg seine Kolleg:innen mit mürrischer Korrektheit vor den Kopf stößt, ein eigenes Zimmer verlangt und das Klavierspielen verbietet, kann er sich ausschließlich durch seine Kompetenz empfehlen. Natürlich lauscht der Kriegsrat lieber den sonnigen Empfehlungen des Schönwetterkonkurrenten. Doch darf die Entscheidung über die "größte Wasser-Invasionsmacht der Geschichte" von persönlichen Gefühlen geleitet werden?
Am Ende wird Pressure wahrscheinlich nicht als einer der großen Kriegsfilme in die Filmgeschichte eingehen. Dazu sind sowohl seine thematische Nische als auch der Action-Anteil zu klein. Aber der neue Wetterfokus bietet trotzdem einen aufregenden Ansatz, um sich einem der meistverhandelten Momente der Weltkriegsgeschichte einmal mit neuen Augen zu nähern.



