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Rock / Heavy Metal 28.09.2026

Besuch von einem lebenden Fossil: The Flamin' Groovies im Lido, Berlin

Besuch von einem lebenden Fossil: The Flamin' Groovies im Lido, Berlin

“Ich habe eine fiese Erkältung, meine Nase fällt bald ab”, sagt Cyril Jordan, nachdem er sich zwischen zwei Songs schnäuzt. Einen Monat zuvor ist er 78 Jahre alt geworden. Jetzt steht er auf der Bühne in einem der schönsten Konzertläden Berlins, dem Lido. Das einstige Kino bürgt schon rein optisch für eine Zeitreise in die Vergangenheit und passt damit bestens zu seinen heutigen Gästen, den Flamin’ Groovies. Oder wer sie halt 2026 darstellt.

Jordan ist 17, als die Band sich 1965 in San Francisco gründet, 20, als sie mit “Sneakers” ihre Debüt-EP veröffentlicht und bis 1994 mit den Flamin’ Groovies aktiv. Zunächst sind sie eine für Spät-60er-Verhätnisse geradezu altmodische Rock’n’Roll-Band, dann wird der Sound auf “Flamingo” 1970 härter. Schuld daran haben die Kollegen aus Detroit, mit denen sie sich die Bühne teilen. “Teenage Head” wird 1971 zu einem der besten Alben, die die Stones nie veröffentlicht haben. Der Erfolg bleibt aus, die Flamin’ Groovies stecken anschließend für fünf Jahre im Limbo zwischen ihrer Heimat und England. Nur einige Singles auf verschiedenen Labels zeugen davon, dass sie noch existieren. In dieser Zeit wandelt sich ihr Sound. Glücklicherweise, denn dank ihrer neuerlichen Sire-Labelkollegen – der Punk-Band Ramones – herrscht Umbruch. Den gestalten die Flamin’ Groovies mit und veröffentlichen 1976 erst die Single und dann das ebenso betitelte Album “Shake Some Action”. Eine Blaupause für den Power Pop – und bis heute ein unverwüstlicher Song mit herrlich melancholischer Gitarrenmelodie.

Im Juni ist das Album 50 Jahre alt geworden. Es liegt in der Jubiläumsedition als Doppel-LP mit Bonustracks am Merch aus. T-Shirts gibt es nur noch in S oder XXL. Hier im Berliner Lido ist der letzte Stopp auf einer Tour, die die Flamin’ Groovies seit Ende August bestreiten und die Band durch Spanien, Frankreich, UK, Belgien, die Niederlande bis nach Malmö geführt hat. Der Auftritt in Berlin ist der einzige in Deutschland. Gebucht von Frank Popp, der auch schon andere Legenden in die Stadt geholt hat – von den Pretty Things bis The Standells. Augenscheinlich ist das Lido zu groß, oder die Strahlkraft der Band bereits verblasst. Besonders gut besucht ist es jedenfalls nicht. Aber wer hier ist, freut sich über die Chance, Cyril Jordan noch ein wahrscheinlich letztes Mal live zu sehen.

Jordans ehemalige Band-Kollegen sind entweder Rock’n’Roll-Rentner oder verstorben. Um sich und seine transparente Dan Armstrong Gitarre hat Jordan eine Riege weit jüngerer Musiker versammelt. Zu seiner Linken ist Atom Ellis, auch schon 60 und in den 90ern Teil der Alternative-Band Dieselhed. Am Schlagzeug sitzt Tony Tyrone Sales, der auch einige Songs singt, seit 2017 bei den Groovies ist und am Merch sein Soloalbum vertickt. Zu Jordans Rechter sind die Gitarristen Sean Fitzsimmons und Miki Rogulj, beide seit 2024 dabei. Doch bevor die Groovies an der Reihe sind, darf sich zunächst der Berliner Power-Pop-Nachwuchs präsentieren. Vista Vision rufen Erinnerungen an die Redd Kross der frühen 90er hervor mit ihrem Mix aus Power Pop und Psych-Glam – und einer hervorragenden Performance. Da kann Kong Fuss mit seiner Romantic Earthquake Band leider nicht mithalten. Deren Mix aus erlesenen, eher obskuren Covers und eigenen Songs, Pub Rock, Power Pop und Rock’n’Roll mit Lemmy-Touch verlangt nach mehr Tightness, oder um es mit Frontmann Fuss zu sagen: “I’m really out of this shit, ey.”

Da sind die Groovies – jetzt am Ende der Tour – schon eingespielter. Wenn auch bei ihnen der Mix etwas zu wünschen übriglässt und Jordan nun mal klingt wie ein alter Mann, den noch mal jemand vor ein Mikrofon gestellt hat. Da macht Mick Jagger, immerhin noch mal fünf Jahre älter, eine bessere Figur. Aber am Ende ist das egal. Was zählt, ist, dass Jordan noch lebt, ein Fossil des Rock’n’Roll-Underground. The Dave Clark Five mit “Glad All Over” bieten die Einmarschmusik, bis Jordan vorschlägt: “Let’s open up with a little Chuck Berry.” Dann folgt “Don’t You Lie To Me”, den eigentlich Hudson Whittaker a.k.a. Tampa Red geschrieben hat. Cover-Songs gehörten schon immer reichhaltig zum Repertoire von Jordans Band. Aber auch eigene Songs wie “You Tore Me Down” von “Shake Some Action” verbeugen sich deutlich vor den Vorbildern – in diesem Fall: die Beatles.

Jordan trinkt einen Schluck Sinalco-Cola. Er trägt modern zerschlissene Jeans, sexy cognacfarbene Boots und einen Gürtel von Ed Hardy, außerdem eine helmartige Perücke, da er bereits Mitte der 70er nur noch spärliches Haupthaar hatte. In all dieser Pracht witzelt er: “An advice for the men: Don’t play with married women”, gefolgt von “Married Woman”. Seine Solos sitzen, und in der ersten Reihe zu seinen Füßen haben sich Fans positioniert, die ihr Glück kaum fassen können, ihn hier zu sehen. Sein letztes Berlin-Konzert war schließlich bei den Easter Rock Concerts in der Deutschlandhalle am 6. April 1980 – zusammen mit The Police und The Cramps. Über 46 Jahre ist das her, was dem Altersdurchschnitt heute Abend entsprechen könnte.

Die Setlist bleibt über weite Strecken die gleiche wie drei Tage zuvor in Eindhoven. “Have You Seen My Baby?” von Randy Newman, gesungen von Schlagzeuger Sales und “Misery” von den Beatles. Dann klärt Jordan auf: “We did an anti drug song: ‘Slow Death’. And we did a pro drug song called ‘Between The Lines'”. Letzter stammt vom 78er Album “Now” und folgt auf dem Fuße. Erst zur Zugabe gibt es “Slow Death”, “den die BBC einst verboten hat.” Das aktuelle Album der Groovies ist 2017 erschienen: “Fantastic Plastic”. Davon gibt es “Let Me Rock”. Wichtiger ist aber “the song everybody has been waiting for”: “Shake Some Action”. Bassist Atom Ellis gibt den Cheerleader: “I can’t believe how cool these songs are!” Und Jordan stimmt ihm zu: “We played nothing but barnburners.” Das ist streitbar, weil etwa “Flamingo” auch hervorragendes Material geboten hätte, aber nicht gewürdigt wird. Dafür gibt es mit “Teenage Head” noch einen Jahrhundertsong, einen Proto-Punk-Groover, mit dem Jack White am 23. September seinen ersten Auftritt im The Fillmore in San Francisco begonnen hat. Er ist zwar wesentlich jünger als Cyril Jordan, aber White weiß, wie man Rock’n’Roll-Geschichte am Leben hält.

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